Meine Geschichte und ich
Auf meinem Weg vom Hexenhaus zur Kaiserburg fand ich eine Geschichte. Sie saß in einem Mauereck zwischen Sinwellturm und Tiefem Brunnen, und als ich vorüber kam, rief sie:
"Hallo, hier bin ich! Ich wäre soweit." Die Stimme der Geschichte klang dramatisch, ruhig, atemlos und heiter. Eine vielversprechende Mischung. "Ich könnte jetzt erzählt werden", sagte die Geschichte.
"Warum nicht?", entgegnete ich. "Mal sehen, was wir aus dir machen können."
"Und du bist … wer?", fragte die Geschichte.
"Lindner", antwortete ich ihr. "Jürgen Lindner. Baujahr 1967, Nürnberger mit Herz und Dialekt und mit großer Leidenschaft für Geschichte und Geschichten. Deutsch und Geschichte habe ich studiert, war Fremdenführer auf der Kaiserburg, Dozent am BZ Nürnberg und als Schulungsleiter im ganzen Land unterwegs. Ich habe zwei großartige (bereits erwachsene) Kinder, bin Geschichtenerzähler und Bücherwurm, sammle Lesezeichen und esse meinen Käsekuchen von der Rückseite her."
Die Geschichte sah mich an und nickte. "Könnte gut werden mit uns beiden", sagte sie und streckte die Arme aus. Ich nahm die Geschichte hoch, setzte sie auf meine Schulter wie der Pirat seinen Papagei.
"Wollen wir?", fragte ich.
"Bagg mers!", antwortete die Geschichte, und während wir hinab zum Hauptmarkt liefen, begann sie leise zu erzählen.
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Des Menschen Seele
hungert nach Geschichten.
(Benjamin v. Auerstedt / 1922)
